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Sören Henkel (M.) hat nach den Tests die Empfehlung für die Schlagposition erhalten.

Kurz vor 20 Uhr sitzen fünf U19-Hochleistungsruderer bei der „UWV“, der Unmittelbaren Wettkampfvorbereitung, in Berlin-Grünau vor einem Monitor. Sie alle haben sich durch Spitzenleistungen während der Saison die WM-Nominierung verdient. Zu Beginn der „UWV“ wurden verschiedene Tests durchgeführt. Jetzt galt es, die vier jungen Männer zu benennen, die sicher im Doppelvierer sitzen, und eben wer als Ersatzmann mitfahren wird.

Bundestrainerin macht es spannend

„Dann wurde ganz langsam eine Excel-Tabelle geöffnet“, erzählt Sören Henkel vom Waltroper Ruderverein. Dann kam die Erlösung. „Ich bin dabei“, jubelte der 18-Jährige. Wenngleich er sofort hinterherschiebt: „Ich empfinde das als sehr große Verantwortung, bei der WM in Tokio für Deutschland rudern zu dürfen. Also eine Last ist mir nicht von den Schultern gefallen – eher im Gegenteil“, sagt der Abiturient. Mit ihm im Doppelvierer sitzen mit Alexander Finger und Paul Berghoff zwei Athleten, die 2018 in diesem Boot bereits WM-Bronze gewonnen hatten. Hinzu kommt noch Elrond Kullmann. Jonas Gelse ist der Ersatzmann.

Die deutschen U19-Skuller werden auf der olympischen Strecke von 2020 in Japan mit drei Booten vertreten sein. Wer im Einer und Zweier sitzen wird, war schon vor der „UWV“ klar.

Die anderen fünf Athleten mussten sich nun erneut beweisen. Zunächst musste auch Henkel auf dem Ergometer fünfmal vier Minuten mit ansteigender Leistung rudern. Nach sechsstündiger Pause ging es dann beim „Trockenrudern“ darum, auf der imaginären 2000-Wettkampf-Strecke ans Maximum zu gehen. „Hier bin ich zwar vier Sekunden unter der U23-Norm geblieben, aber eben auch vier Sekunden über meinem Ziel. Da war ich schon sehr down“, berichtet Henkel.

In einem Telefonat mit Heimtrainer Andreas Erdtmann baute dieser seinen Schützling wieder auf. „Ihm habe ich viel zu verdanken. Er kümmert sich toll um mich. Er ist – neben meiner Familie – maßgeblich an meinem Erfolg beteiligt.“

Im Messboot schlug dann Henkels Stunde. Seine Werte waren so gut, dass er gar die Empfehlung erhielt, auf der Schlagposition im Boot zu sitzen. Eine besondere Ehre für den Waltroper, dessen mannschaftsdienliche und -führende Art von den Verantwortlichen des Deutschen Ruderverbandes sehr geschätzt wird.

„Wenn ich mir überlege, dass ich im vergangenen Jahr noch geriemt habe und erst zu dieser Saison in den Skullbereich gewechselt bin, ist das unglaublich toll“, so Henkel, der 2018 bei der WM Bronze im Achter gewonnen hatte.

Später Quereinsteiger mit enormer Entwicklung

Zumal er erst vor vier Jahren zum Rudern kam. Zuvor hatte er Handball bei der JSG OstVEST und Fußball beim VfB Waltrop in der Landesliga gespielt, wurde in die Westfalenauswahl berufen. Dann kam er doch zum Rudern. Was schließlich in der Familie liegt: Vater Jo und Mutter Anne sind Urgesteine im Waltroper Ruderverein.

Gestern durften die Athleten noch „ausschlafen“ – bis 6 Uhr. Seit heute klingelt der Wecker stest um 5.15 Uhr. Der Fokus liegt nur darauf, dass die Crew eine Einheit wird. Um 6.30 Uhr stehen 20km auf dem Wasser an, um 10 Uhr geht es weiter mit Hanteltraining. 12 Uhr gibt es dann Mittagessen. Nach einer Pause werden wieder 20km gerudert, ehe abends Gymnastik oder Yoga anstehen. Nach zweieinhalb intensiven Tagen, folgt jeweils ein freier Nachmittag. Was Henkel dann macht? „Schlafen und lesen. Außerdem habe ich einige Hörbücher dabei.“

Wann genau der deutsche Tross Richtung Tokio aufbricht, wusste Henkel am Dienstag nicht. Wohl aber, dass es während des Telefonats mit unserer Redaktion in Tokio 3.45 Uhr in der Früh war. Zur Motivation hatte er sich unlängst auf seiner Uhr nämlich bereits die japanische Zeit eingestellt…